EYEBIZZ Magazin 2/26 - Statement für Umweltschutz und Handwerk / Kreislaufwirtschaft in der Brillenmanufaktur

Text: CHRISTIAN NEUMANN
Statement für Umweltschutz und Handwerk
Kreislaufwirtschaft in der Brillenmanufaktur
Der Celion-Kreisiauf von der Zigarettenkippe über die gereinigte Cellulose und das Granulat zum Rohstoff
Wie Kreislaufwirtschaft in der Augenoptik funktionieren kann - wenn man sie konsequent zu Ende denkt - zeigt das „FUNK Phoenix Project" der bayerischen Brillenmanufaktur Funk. Dort werden Produktionsreste und sogar recycelte Zigarettenfilter in hochwertige Acetatbrillen verwandelt.
Rund 170 Arbeitsschritte braucht es, bis in der Funk-Manufaktur im oberbayerischen
Kinsau eine Brillenfassung entstanden ist: Vom Zuschnitt der Acetatplatten über das Fräsen der Konturen bis hin zur finalen Politur - jeder einzelne Schritt wird von Hand ausgeführt. Was dabei anfällt, ist so alt wie die Brillenfertigung selbst: Späne, Verschnitt, Reststücke. Material, das in den meisten Betrieben wohl im Container landet. Nicht so bei Funk.
Seit der Gründung 1992 durch Dieter Funk und Sashee Schuster verfolgt die Manufaktur eine Philosophie, die in einem Satz verdichtet lautet: Jedes Gesicht ist einzigartig - und verdient eine Brille, die das zeigt. Hinter diesem Anspruch steckt ein Bekenntnis zur Individualität, das weit über die Formgebung hinausreicht. Denn wer jede Fassung als Einzelstück begreift, der versteht auch das Material, aus dem sie entsteht, nicht als beliebig austauschbare Ressource.
Genau hier setzt das „Funk Phoenix Project" an, unter dessen Dach die Manufaktur ihre Recycling-Aktivität bündelt. Der Name ist Programm: So wie der mythische
Vogel Phönix aus der Asche zu neuem Leben erwacht, soll auch vermeintlicher Abfall in Kinsau eine zweite Existenz bekommen. Das Projekt ruht auf zwei Säulen, die unterschiedlicher kaum sein könnten - und in derselben Werkstatt zusammenlaufen.
Interner Kreislauf: Acetat, das nie zum Abfall wird
Die erste Säule betrifft die eigene Produktion. Funk sammelt sämtliche Acetatreste, die beim Fräsen und Schleifen anfallen, schreddert sie und verpresst das Granulat
in einem Thermokompressionsverfahren vor Ort zu neuen Acetatplatten. Daraus entstehen wiederum neue Fassungen - und die dabei anfallenden Reste werden er-
neut dem Kreislauf zugeführt. Wieder und wieder. Ein Prozess, der theoretisch unendlich wiederholbar ist.
Liest sich technisch nüchtern, bedeutet für eine Manufaktur dieser Größenordnung aber einen erheblichen Aufwand: Die Investition in eigene Recycling-Anlagen ist
beträchtlich, der Rücklauf an Material begrenzt. Doch in einem Betrieb, in dem jedes einzelne Stück Acetat von Hand bearbeitet wird, liegt der Gedanke nahe, auch die
Reste nicht einfach wegzuwerfen. Die tägliche Nähe zum Werkstoff prägt die Unternehmenskultur - und macht den Schritt vom Entsorgen zum Wiederverwerten beinahe zwangsläufig. Bereits seit 2019 fertigt Funk Brillen aus recycelten Acetatplatten. Mit dem Phoenix Project erhält dieses Engagement nun einen strategischen Rahmen - und eine zweite, unerwartete Dimension.
Weltweite Innovation: Brillen aus Zigarettenkippen
Zigarettenfilter zählen zu den häufigsten Abfallprodukten weltweit. Was viele nicht wissen: Sie bestehen aus Celluloseacetat - demselben Grundstoff, aus dem traditionell Brillenfassungen gefertigt werden. Die chemische Verwandtschaft liegt also auf der Hand - industriell genutzt hat sie bislang aber niemand. Pionierarbeit leistet hier das chilenische Startup Imeko. Das Unternehmen betreibt in seinem Heimatland ein eigenes Sammelsystem für Zigarettenkippen und gewinnt das Celluloseacetat in einem mechanisch-chemischen Verfahren zurück, das kaum Wasser verbraucht. Sämtliche Schadstoffe werden fachgerecht abgetrennt und entsorgt; das resultierende Granulat enthält zertifiziert keine Rückstände.
Das Ergebnis ist ein hochwertiges Bioacetat, das ohne Phthalate (chemischer Weichmacher) auskommt und ausschließlich mit biologisch abbaubaren, pflanzlichen Weichmachern verarbeitet wird. In der Funk-Manufaktur entsteht aus diesem Celion-Granulat genannten Rohstoff zunächst eine Acetatplatte - und schließlich eine Brillenfassung.
Der Transportweg von Chile bis nach Kinsau ist zwar ein weiter, passt aber dennoch zum Nachhaltigkeitsanspruch: Die Zusammenarbeit mit Imeko sei eine bewusste Investition in ein „junges Startup, das jetzt mutige Industriepartner" brauche, um seine Technologie zu skalieren. Im Vergleich zu neu produziertem Acetat reduziert
sich der CO2-Fußabdruck laut Hersteller immerhin um rund 36 Prozent. Ohne frühe Abnehmer würde die Lösung vom Markt verschwinden oder in die Abhängigkeit von Großkonzernen geraten. Die gemeinsame Vision: das Verfahren heute etablieren, um die Sammlung und Produktion mittelfristig auch nach Europa zu holen. Den „Rohstoff" gibt es schließlich auch bei uns im Überfluss.
Modelle für eine besondere Geschichte
Besonderer Rohstoff, besondere Bühne: Damit das Celion-Granulat nicht beiläufig in der Kollektion untergeht, hat die Manufaktur innerhalb der etablierten FUNK/SCHUSTER-Linie eigene Modelle aufgelegt, die ausschließlich aus dem recycelten Zigarettenfilter-Acetat gefertigt sind. Wir wollten dieses besondere Material nicht einfach in der Kollektion verstecken", erklärt Gründer Dieter Funk. „Die neuen Modelle sind so designt, dass sie die einzigartige Geschichte des Materials in den Vordergrund stellen. Wer diese Brille trägt, trägt ein Statement für Umweltschutz und Handwerk." Es ist ein Satz, der für manchen womöglich nach Marketingkalkül klingt. Bei Funk liest er sich anders.
Wer die Manufaktur in Kinsau kennt - die offene Werkstatt, die Transparenz der Produktion, das nahbare Team -, der weiß: Hier wird Nachhaltigkeit nicht als Verkaufsargument entdeckt, sondern als logische Konsequenz einer handwerklichen Grundhaltung gelebt. Dieter Funk benennt seine Brillenmodelle nach Göttern, Sagengestalten und mythischen Wesen. Dass nun ein Phönix über dem ganzen Projekt steht, passt ins Bild: Es geht um Verwandlung, nicht um Verzicht.
Kreislauf statt Einbahnstraße
Vom hauseigenen Acetat-Kreislauf bis zum recycelten Zigarettenfilter aus Chile - das Phoenix Project spannt den Bogen weit. Und zeigt, dass Kreislaufwirtschaft in der Augenoptik keine Utopie sein muss. Vorausgesetzt, man versteht Nachhaltigkeit nicht als Trend, sondern als Teil der eigenen DNA.III
Funk zählt zu den letzten echten Brillenmanufakturen in Deutschland. Gegründet 1992 von Dieter Funk und Sashee Schuster im oberbayerischen Kinsau, fertigt das Unternehmen sämtliche Fassungen vollständig vor Ort - in bis zu 170 Arbeitsschritten, von der Acetatplatte bis zur polierten Brille. Zum Sortiment gehören
zwei Kollektionen: die von Dieter Funk entworfene Linie, deren Modelle nach Göttern und Sagengestalten benannt sind, sowie die Funk/SCHUSTER-Kollektion von Sashee Schuster. Neben der Manufaktur betreibt Funk eigene Optik-Stores in Kinsau und Düsseldorf. Seit 2019 produziert Funk Brillen aus hauseigenem Recycling-Acetat. Mit dem Funk Phoenix Project wird dieser Ansatz nun um die Verwertung von Zigarettenfiltern in Kooperation mit dem chilenischen Startup Imeko erweitert.


