Presse: Münchner Merkur 9. April 2019

Dieter Funk hat einen schon ausgestorbenen Beruf zu neuem Leben erweckt. Er produziert in einer Halle im Pfaffenwinkel handgefertigte Brillen. Alles andere als Massenware - aber gefragt. Seine Modelle werden in London oder New York getragen.
VON KLAUS MERGEL
Kinsau - Was dem kalifornischen Computerfreak die Garage, ist dem bayrischen Tüftler die Scheune. Zwischen Heu und alten Landmaschinen lässt es sich trefflich schrauben und experimentieren. Das weiß nicht nur Dieter Funk. Er hat in einer alten Tenne in Kinsau (Landkreis Landsberg) seinen Traum einer Brillenmanufaktur verwirklicht. Seine hochwertigen Stücke, die überwiegend von Hand gefertigt sind, trägt man heute auch in Berlin, London und New York.
Fabrik - das klingt und riecht anders. In der 900 Quadratmeter-Halle klingt leise elektronische Musik, aus dem Laden vorne schwappt eine Prise Zirbenholz-Patschuliduft durch die Tür. Das sonore Rauschen der rotierenden Poliertrommeln hat was von Strandfeeling. Zuvor produzierte der 52-Jährige elf Jahre in seiner alten Tenne im Dorf. "Es ging nicht mehr, die Bude ist aus allen Nähten geplatzt". sagt er. Denn heute beschäftigen er und seine Frau Sashee Schuster 50 Mitarbeiter: in der Fertigung in Kinsau, im Außendienst und in den Läden in Berlin, München und Wien.
15 000 edle Brillengestelle entstehen am Lech pro Jahr. Ladenpreis: 400 bis 800 Euro. Alles andere als Massenware. Stars wie Joko Winterscheid, Sido oder Rick Kavanian tragen sie - aber auch „normale" Kinsauer. Das Herz der Firma Funk Eyewear, die sich so herrlich kosmopolitisch anhört, ist tief in der bayerischen Provinz verwurzelt.
Der Beruf des Brillenmachers ist seit Jahrzehnten ausgestorben. Wie man eine Brille baut, erfuhr Funk von 'Rentnern der Branche. Die zierten sich anfangs. "Ich hab denen gesagt: Herrgott, dann nehmt halt Euer Wissen mit ins Grab." Der Spruch zog.
Brillen sind schon früh sein Ding. Funk lernt Optiker nach der Schule, in einem traditionellen Betrieb in Kaufbeuren . .,Wenn meine Eltern nicht so arm gewesen wären, wäre ich wohl Koch geworden. Da musste man aber für die Lehre ein Profimesserset kaufen", sagt er. Und lacht so dröhnend, dass nicht klar ist, ob das jetzt wahr ist oder Flachs. Egal, die Anekdote taugt später als Firmenlegende.
Der kompakte, kleine Mann mit den blitzenden Augen hinter der dicken Brille platzt fast vor Schalk und Energie, wenn er erzählt. Bleibt jedoch immer hart am Thema. Laptop unterm Arm, fester Händedruck - und schlagfertig wie ein G'stanzlsänger. Ihn hält wenig auf in seiner Mission.
Nach seiner „wilden Münchner Zeit", wo er schon eigene - jedoch in Italien hergestellte - Brillenmodelle vertreibt, kehrt der gebürtige Landsberger 2002 in den Pfaffenwinkel zurück. Wenn es denn funktionieren soll mit der Manufaktur, so seine Erkenntnis, dann hier: in einem alten Bauernhaus aus dem 15. Jahrhundert, das das Paar kauft. 2007 geht es dann los in der Scheune. Mit alten Maschinen, die er von früheren Herstellern zusammenkauft. Ein mühsamer Start. „Es ist ja nicht so, dass man aufs Knöpferl drückt, und dann kommt unten eine Brille raus". sagt er.
Funks bevorzugter Werkstoff: Zelluloseacetat, das zu 70 Prozent aus Baumwolle hergestellt ist. Schon vor Jahrzehnten das Material erster Wahl für edle Brillen.
Über die Jahre sichert Funk sich tonnenweise alte Platten dieses Werkstoffs aus Altbeständen. Das Besondere: Wie Wein gewinnt die Qualität mit den Jahren - und ist weitaus solider als Kunststoff. Zunächst arbeitet er mit sogenannten Pantografen: Die mechanischen Kopiermaschinen tasten eine Vorlage des Brillenteils ab und fräsen simultan eine Kopie. Führen aber muss man sie von Hand. Wenn Funk in den ersten Jahren 200 brauchbare Stücke im Monat zusammenbringt, ist das Grund zum Feiern.
Grund zum Fluchen gibt es jedoch auch. ,.Wenn wieder eine Maschine kaputt ging, von der ich nur eine hatte", sagt er. Da er niemanden hat, der sie reparieren kann, muss er selbst ran. .,Ich hab halt versucht, zu verstehen, wie das funktioniert. Und dann auch hingebracht", sagt er.
Heute übernehmen die Fräsarbeit bei Funk mehrachsige CNC-Maschinen. Für Hände gibt es dennoch jede Menge zu tun. Rund 160 Arbeitsschritte sind für eine Brille nötig. Und Funk bildet in seinem Betrieb auch aus. Offiziell zwar nur zum Optiker, denn beim Brillenmacher gibt es weder Innung noch Meister. .,Aber meine Leute haben mein Wissen weiterentwickelt", sagt er stolz. Irgendwie auch Kulturerbe, das gerettet wurde.
Nicht zuletzt entwickeln sich Funk und Schuster zu versierten Designern:
Er begeistert sich schon zur Lehrzeit für die Formen der 30er und 40er-Jahre. Gern schwer, kantig und präsent. So schafft er unversehens die Nerdbrille - etwa zehn Jahre, bevor sie in Mode kommt. Auch Sashee Schuster setzte Maßstäbe: Sie experimentiert viel mit einer „Sandwich-Technik". Dabei laminiert sie Naturmaterialien wie Blattgold, Kupfer, Blüten, Federn oder Tabak in Acetatplatten. Verspieltere, feminine Modelle - doch genauso erfolgreich . .,Eine Brille ist heute eher Stilmittel als Sehhilfe", sagt Funk. Er selbst trägt einen richtigen Brummer im Gesicht. Mutig-steht ihm aber. Und made in Kinsau, versteht sich.
Ganz an der Globalisierung kommt der Brillenmacher doch nicht vorbei:
Unter dem Label „Funk Food" lässt er günstigere Brillenfassungen in China produzieren. ,.Für Modebewusste, die keine Massenware wollen." Allerdings von einem Hersteller, der den Mitarbeitern zwei bis dreimal so hohe Löhne wie üblich zahlt. Und Urlaub, Altersversorgung und einen Acht-Stunden-Tag bietet. ,.Ich schau da auch mal unangemeldet vorbei, ob alles passt", sagt Funk. Dennoch: In Bayern zu produzieren ist für ihn eine großartige Sache. ,.Wir haben eine tolle Infrastruktur, gute Leute und viele Fördermöglichkeiten für Gründer", sagt er. ,.Und außerdem bin ich halt ein Bayer."
